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Herrnhuter Brüdergemeine

Liebe Kinder und Jugendliche,
liebe junggebliebenen Leserinnen und Leser!

Wartet ihr schon sehnsüchtig auf die nächsten Ferien? Kein Weckerklingeln zu nachtschlafender Zeit, keine Hausaufgaben. Vielleicht schonmal ins Freibad gehen oder sogar auf eine Reise in die Berge, an die See oder auf einen Bauernhof? Die Eltern haben auch mal Zeit zum Federballspielen, Tischtennis oder für eine Radtour. Könnte das nicht bitte immer so sein?…
Aber andererseits – wie wäre das, wenn jeden Tag Ferien wären? Jeden Tag ausschlafen, baden gehen, Eis essen…? Anfangs fänden wir das
sicherlich fantastisch und würden es genießen. Doch die Freude darüber würde mit jedem Tag weniger werden, einfach weil es schon bald nichts Besonderes mehr wäre. Über eine Selbstverständlichkeit flippt man schließlich nicht aus vor Freude, oder? Hat es also vielleicht auch Vorteile, wenn man mal auf etwas Schönes warten muss?
Dank des Internets ist heute fast Alles rund um die Uhr verfügbar, z.B. auch Musik und Filme. In meiner Kindheit gab es die Lieblingsmusik zuerst auf Kassetten und Schallplatten, später auf CD. Die gab es im Geschäft zu kaufen, und zwar zu Ladenöffnungszeiten, die man sich heute nicht mehr vorstellen kann: von Montag bis Freitag bis 18 Uhr und am Samstag nur bis 12(!) Uhr. Hörte man also am Samstag Nachmittag im Radio den neuesten Hit der Lieblingsband, musste man mindestens bis Montag warten, um sich die Scheibe nach Hause zu holen. Und wenn das Taschengeld nicht reichte, dann musste man sich noch länger gedulden, z.B. bis zum nächsten Geburtstag. Manchmal gelang es mir auch, nach langem Ausharren vor dem Radio, meine Lieblingshits direkt aufzunehmen. Zwar passierte es häufig, dass die Moderatoren der beliebten Musiksendungen (etwas ältere Verwandte erinnern sich bestimmt noch an „Mal Sondock“) am Anfang oder Ende des Liedes hineinquatschten, aber das nahm man halt in Kauf. Und dennoch war die Freude dann groß! Und ich behaupte, sie war größer, als wenn ich heute mit einem Klick einen Titel im Internet kaufe. Zumindest geht es mir so – ich kann mich tatsächlich mehr freuen, wenn ich eine Zeitlang auf die Erfüllung eines Wunsches gewartet habe. Deshalb warte ich auf manches ganz und gar freiwillig. So mache ich also weitaus lieber einen schönen Spaziergang zur örtlichen Buchhandlung, als im Internet den 24-h-
Lieferdienst zu nutzen. Ich habe unterwegs vielleicht noch eine nette Begegnung, und freue mich ein paar Tage später über den Anruf, dass ich meine Bestellung abholen kann. Und das ist nur ein Beispiel von mehreren, wo ich mich bewusst für das Warten entschieden habe.
Geduldig warten zu können und so die Vorfreude zu genießen, das ist meiner Meinung nach ein Geschenk. Ich glaube, wir Alle haben diese Gabe bekommen, aber wir müssen uns entscheiden, sie zu nutzen, das Geschenk zu öffnen sozusagen. Wir sollten uns nicht ständig unüberlegt mitreißen lassen vom Strom dieser Zeit, wo „immer alles und sofort“ verfügbar sein muss.

Ich wünsche Euch allen von Herzen, dass ihr das Warten nun öfters mal als eine schöne Zeit der Vorfreude erfahren könnt!

Das Buchstabengitter enthüllt Euch – in jeder Zeile ein Wort – ein Sprichwort aus Ägypten.

Herzlich grüßt Euch

Claudia Geller